Ich sitze im Auto, sechs Stunden liegen noch vor mir, draußen zieht der indische Subkontinent vorbei – und dann, mitten in der Fahrt, überqueren wir den Brahmaputra. Dieser gewaltige Strom, der oben im Himalaya entspringt und sich jetzt breit und ruhig durch Assam schiebt. In diesem Moment wusste ich: Diese Reise wird wieder eine, die ich nicht vergessen werde.
Es hatte schon holprig angefangen. Mein Lufthansa-Flug nach Mumbai fiel wegen eines Streiks aus, kurzfristig musste ich auf Air India umbuchen. Zwei ungeplante Tage in Mumbai, ein Inlandsflug nach Guwahati, dann die lange Fahrt ins Landesinnere. Aber genau das gehört für mich zu diesen Reisen dazu – man plant, und Indien entscheidet dann doch ein bisschen anders.
Als ich endlich an der Holy Cross School in Bakula ankam, war jede Strapaze vergessen. Die Kinder hatten eine Vorführung für uns vorbereitet: Mädchen und Jungen tanzten stolz in ihrer traditionellen Kleidung. Was mich dabei besonders berührt hat, war die schiere Vielfalt, die hier unter einem Dach zusammenkommt – Assamesen, Boro, Garo, Nepalesen, Nishi, Karbi, und Kinder aus verschiedenen Adivasi-Gruppen wie den Oraon, Munda, Kharia und Santal. Vielen dieser Gemeinschaften fehlt in Assam der offizielle „Tribal Status“ – ein bürokratisches Detail mit großen Folgen, denn ohne ihn bleibt der Zugang zu staatlicher Förderung und Bildung fast verschlossen.
Genau deshalb ist diese kleine Schule für die rund 160 Kinder aus der Umgebung so viel mehr als ein Schulgebäude.
Hinter den strahlenden Gesichtern steht eine harte Realität. Die meisten Familien hier leben vom saisonalen Teeanbau oder schlagen sich als Tagelöhner durch – für oft nicht mehr als ein paar hundert Rupien am Tag. Reis, dreimal täglich, ist die Grundlage. Schulgeld, Kleidung, Essen: Eine Last, die viele Familien kaum stemmen können, weshalb der Konvent der Sisters regelmäßig einspringt.
Und doch: Ausgerechnet in dieser Umgebung, wo selbst stabiles Internet fehlt, beginnt der Computerunterricht bereits in der ersten Klasse. Ein winziger Raum, ein paar wenige Rechner – und trotzdem ein riesiger Schritt für die Zukunftschancen dieser Kinder.
Was mich am meisten beeindruckt hat, war das Gespräch mit den Sisters über ihre Pläne. Aktuell endet die Schule nach der 7. Klasse, danach müssten die Jugendlichen auf weit entfernte, teure Schulen wechseln – für die meisten Familien schlicht unbezahlbar. Viele brechen deshalb ihre Ausbildung ab.
Die Sisters wollen das ändern: Schritt für Schritt soll die Schule bis zur 12. Klasse ausgebaut werden. Der Weg dorthin ist lang, der bürokratische Aufwand mit den indischen Behörden enorm. Aber das Ziel ist es wert – eine Schule, die Kindern aus der Region einen vollständigen Bildungsweg vor Ort ermöglicht, ohne dass sie ihre Familien verlassen müssen.
Als LUCY Hilfswerk möchten wir dort ansetzen, wo es gerade am meisten zählt: bei den laufenden Lehrergehältern, beim Aufbau einer eigenen Schulbibliothek und bei der Finanzierung weiterer Computer. Kleine Bausteine, die zusammen einen großen Unterschied machen können.
Was ich aus Bakula mitgenommen habe, ist ein Bild, das mich seit meiner Rückkehr begleitet: Kinder, die trotz Armut und fehlender Perspektiven mit Stolz tanzen, lernen und lachen. Und Sisters, die mit unglaublicher Ausdauer an einer Vision arbeiten, die weit über eine einzelne Schulklasse hinausreicht.
Ich bin dankbar, dass ich Teil dieser Geschichte sein darf – und freue mich schon darauf, in einem der nächsten Beiträge mehr aus Assam zu erzählen.
Love & Namaste
Nadine